Posted by on Mittwoch, 25. August 2010 in Blog, Fotografie | Keine Kommentare

Sony bricht total mit dem bisherigen Funktionskonzept einer Spiegelreflexkamera: Die gestern neu vorgestellten Modellen Alpha SLT-A33 und SLT-A55 haben keinen Schwingspiegel mehr! Stattdessen setzt Sony auf einen feststehenden, teildurchlässigen Spiegel, der das Licht größtenteils direkt zum Sensor passieren lässt. Nur ein kleiner Teil des Lichts wird noch umgelenkt, und zwar zu speziellen Phasen-Autofokus-Sensoren. Einen klassischen optischen Sucher gibt es bei diesem Konzept nicht mehr – stattdessen haben die A33 und A55 einen hochauflösenden Videosucher. Ich habe hier einmal zusammengetragen, welche Vor- und Nachteile die bis heute im Web veröffentlichen Testberichte dem völlig neuen Kamerakonzept bescheinigen.

Sony Alpha SLT-A55

OK, ganz neu ist das Konzept einer Spiegelreflexkamera mit teildurchlässigem Spiegel nicht: Als einer der ersten hat es Canon mit der Pellix bereits 1965 realisiert. Neu an Sonys SLT-Serie (SLT steht übrigens für „Single Lens Translucent“) ist jedoch, dass die Kameras keinen optischen Sucher mehr haben. Das Sucherbild wird hier direkt auf dem Aufnahmesensor abgegriffen und von einem winzigen Videomonitor im Okular projiziert – ganz ähnlich also wie bei EVIL-Kameras à la Panasonic G2 oder vielen Bridge-Kameras (etwa meiner ersten Digitalkamera, einer Minolta Dimage 7i).

EVIL- oder Bridge-Kameras kommen allerdings ohne einen translucenten (teildurchlässigen) Spiegel aus. Warum hat sich Sony also für eine derart exotische Konstruktion entschieden, anstatt den Spiegel einfach ganz wegzulassen? Die Antwort: Sony wollte nicht auf den bei Spiegelreflexkameras üblichen Phasen-Autofokus verzichten. Digitalkameras ohne Spiegel stellen mit einem simplen Kontrast-AF scharf. Der arbeitet in der Regel deutlich langsamer als ein Phasen-AF und neigt zudem bei kontrastschwachen Motiven zum „Pumpen“, bis er die Schärfe gefunden hat. Ausführlich habe ich dieses Konzept bereits im Februar vorgestellt.

Links der Strahlengang bei einer konventionellen SLR-Kamera, rechts der Weg des Lichts bei Sonys neuen SLT-Konzept. Bei einer herkömmlichen SLR-Kamera klappt der Spiegel zur Aufnahme nach oben und gibt erst damit den Weg zum Sensor frei.

Vor- und Nachteile des SLT-Konzepts

Der Verzicht auf einen klassischen Schwingspiegel und die damit einhergehende Ausstattung der Sony SLTs mit einem Video- statt eines optischen Suchers bringt eine Reihe von Vorteilen aber auch einige Nachteile mit sich:

Dies sind Vorteile:

  • Kameras werden deutlich kompakter als mit einem klassischen Pentaprisma
  • Da kein Spiegel zur Aufnahme aus dem Strahlengang geklappt werden muss, ist eine sehr hohe Serienbildgeschwindigkeit möglich.
  • Die Kameras liefern immer ein „Live-View-Bild“ (bei Foto- wie bei Videoaufnahmen).
  • Es steht immer ein sehr schneller Phasen-AF zur Verfügung.
  • Videosucher ist deutlich größer als der optische Sucher bei Sonys bisherigen Live-View-Kameras.

Nachteile:

  • Auf den Aufnahmesensor fällt nur einen Teil des Lichts, die Kamera ist also etwas weniger lichtem- pfindlich.
  • Prinzipielle Nachteile eines Videosucher (etwa „Smearing“-Effekte, Sucherbildauflösung)
  • Da der Sensor der Aufnahmesensor das Sucherbild erzeugt, besteht prinzipiell die Gefahr, dass durch Sensor-Erwärmung das Bildrauschen zunimmt.

Lichtverlust durch translucenten Spiegel

Der spezielle Spiegel in der Sony SLT-A33 und A55 lässt etwa 70 Prozent des Lichts zum Aufnahme-Sensor durch, 30 Prozent werden zu den AF-Sensoren umgelenkt. Damit steht zur Aufnahme ungefähr eine Drittel Blendenstufe weniger Licht zur Verfügung als bei einer Kamera mit Schwingspiegel. Das heißt zum Beispiel: Hat ein Objektiv die Lichtstärke 5.6, fällt auf den Aufnahmesensor einer Sony SLT nur so viel Licht wie bei Blende 6.3. Und aus Blende 11 wird belichtungstechnisch Blende 13. Oder anders ausgedrückt: Bei einer eingestellten Empfindlichkeit von ISO 200 muss eine SLT-Kamera tatsächlich ISO 250 wählen, um den Lichtverlust durch den feststehenden Spiegel auszugleichen. Bei ISO 1600 ist es dann eine tatsächliche Empfindlichkeit von ISO 2000.

In der Praxis dürfte der Lichtverlust durch den feststehenden Spiegel verschmerzbar sein. Zumal der Test bei der dpreview der A55 High-ISO-Fähigkeiten auf Augenhöhe mit dem Wettbewerb bescheinigt.

Vor- und Nachteile des Videosuchers

Eine „Spiegelreflexkamera“ mit Videosucher – für den einen oder anderen alten Hasen ist das sicherlich unvorstellbar. Der große Vorteil des Spiegelreflexkonzepts ist es ja gerade, dass der Sucher genau das Bild anzeigt, das auch auf den Sensor fallen wird. Wenn dieser Sucher dann die außerordentlichen Qualitäten einer Alpha 900 aufweist (100% Sucherbildabdeckung bei 1x-Vergrößerung), ist er kaum durch einen Videosucher zu ersetzen.

Aber die Alpha 900 kennt kein Live-View, noch nimmt sie Videos auf. Bei den bisherigen Alphas mit Live-View ist der optische Sucher eher ein Trauerspiel – ein Tribut an den Phasen-AF. Selbst bei der Alpha 550/500 zeigt er das Sucherbild nur mit 0,78-facher Vergrößerung an (bei 95 Prozent Abdeckung), bei der 300er-Serie ist das Sucherbild noch kleiner. Diese Guckkastensucher sind gerade für Brillenträger wie mich nahezu unbrauchbar.

Der Videosucher der A55/A33 hingegen vergrößert das Sucherbild 1,1-fach und deckt es zu 100 Prozent ab. Dabei hat das Sucherbild eine Auflösung von 1.152.000 Pixeln – nach meiner Erfahrung mit dem exzellenten Videosucher der Panasonic G2 (der ähnlich hoch auflöst) reicht das zur Schärfebeurteilung meist aus. Wenn einmal nicht, kann der Videosucher der A55/A33 einen Bildausschnitt bei 7- oder 14-facher Vergrößerung anzeigen – einen Komfort, den ein optischer Sucher nicht bieten kann. Ein weiterer Vorteil: Der Videosucher in Sonys SLT-Kameras zeigt auf Wunsch deutlich mehr Informationen.

Obwohl ich bislang noch keine Gelegenheit hatte, durch den Videosucher einer A55/A33 zu blicken, wird er auch bei diesen Kameras mit zwei prinzip-bedingten Nachteilen zu kämpfen haben: Zum einen schmiert das Bild, wenn die Kamera schnell auf ein neues Motiv geschwenkt wird. Und zum anderen stellt er Farben nicht 100-prozentig naturgetreu dar.

Geschwindigkeit ist keine Hexerei mehr

Die STL-A55 nimmt im „Continuous Priority AE mode“ Bildserien mit 10 Fotos pro Sekunde auf (bei der A33 sind es 7 Bilder/s) und führt dabei sogar den Autofokus zwischen den Aufnahmen nach. Eine derart hohe Serienbildrate bieten nur die Nikon D3s sowie die Canon EOS-1D Mark IV – beide Kameras kosten rund 5.000 Euro! Die hohe Serienbildrate wird bei dem STL-Konzept möglich, weil ja zwischen den Aufnahmen kein Spiegel mehr hin- und her geklappt werden muss.

Sony A55 stabilisiert mit einem Steadicam Merlin von NSF-56k auf Vimeo.

Besonders überlegen ist die Kombination aus Phasen-AF und teildurchlässigem Spiegel beim Videodreh: Erste Beispielaufnahmen zeigen, wie schnell und treffsicher der Autofokus bei der SLT-A55 reagiert (etwa im Test von  Michael Reichmann).

Multi-Frame Noise Reduction verrechnet mehrere Aufnahmen zu einem rauscharmen Foto.

Noch aber funktioniert das Konzept nicht ohne Einschränkungen: So wird im „Continuous Priority AE mode“ zwar der Autofokus, nicht aber die Belichtung nachgeführt. Die noch von Minolta geerbte Blendensteuerung erlaubt schlichtweg keine höhere Serienbildrate als 6 Bilder pro Sekunde. Konsequenterweise bieten die SLT-Kameras daher auch einen „normalen“ Serienbildmodus mit 6 fps, bei der die Belichtung für jedes Bild neu gemessen wird. Auf ein weiteres Problem weist der Test bei dpreview hin: Im „Continuous Priority AE mode“ zeigt die A55 zwischen zwei Aufnahmen nicht das Sucherbild, sondern das soeben aufgenommene Foto. Auch das mag angesichts der hohen Serienbildrate verschmerzbar sein, bietet aber sicher noch Raum für zukünftige Verbesserungen.

Die hohe Serienbildgeschwindigkeit der SLT-Kameras eröffnet eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten, etwa HDR-Fotos und die so ähnlich schon aus der NEX-Serie bekannte „Multi Frame Noise Reduction“. Mit dieser Funktion nimmt die Kamera in rascher Folge fünf Bilder auf und kombiniert sie dann zu einem Bild, das deutlich schwächer rauscht. Bis zu ISO 25.600 lässt sich in diesem Modus die Empfindlichkeit einstellen.

Kleiner und leichter

Die SLT-Kamera (rechts) ist etwa 20 Prozent kleiner und leichter als eine konventionelle Alpha

Die SLT-Kamera (rechts) ist etwa 20 Prozent kleiner und leichter als eine herkömmlich Alpha (links).

Der Verzicht auf ein optischen Sucher (mit seinen raumgreifenden Pentaprisma oder Pentaspiegel) bringt noch einen weiteren Vorteil mit sich: die SLT-Kameras sind deutlich kompakter als ihre klassischen Cousinen. So wiegen die A55/A33 mit rund 500 Gramm etwa 180 Gramm weniger als die gestern ebenfalls neu vorgestellten Alpha 560 und 580. Das Gehäuse konnte Sony dank des kompakteren Videosuchers um ca. 20 Prozent verkleinern. Die Kehrseite der Medaille: Die SLT-Kameras nehmen nur den aus dem NEX-System bekannten, deutlich kleineren Akku auf. Laut Sony sind damit rund 350 Aufnahmen (bei ausschließlicher Nutzung des Displays als Sucher) bzw. 300 Fotos (bei ausschließlicher Nutzung des Videosuchers) möglich. Meine Erfahrung mit einer NEX-3 zeigen indes, dass der Akku bereits nach gut 200 Aufnahmen erschöpft sein kann –  etwa, wenn man häufiger Bilder betrachtet.

Zukunft des SLT-Konzepts

Mutig ist es schon von Sony, eine Spiegelreflexkamera ihres optischen Suchers zu berauben und ihr als Ersatz einen Videosucher zu spendieren. Aber ich denke, die Revolution wird gelingen – zu groß sind die Vorteile des SLT-Konzepts für die Mehrzahl der Fotografen. Allerdings markieren die jetzt vorgestellten Kameras wohl nur den Anfang der Entwicklung. So sollten zukünftige SLT-Kameras (auch) einen Kontrast-Autofkous haben. Dann könnte auf den teiltransparenten Spiegel verzichtet werden, oder der Fotograf klappt ihn je nach gewählter AF-Betriebsart aus dem Strahlengang – und gewinnt so + 0,3 EV Lichtstärke.

Was mir allerdings etwas sauer aufstößt, ist: Auch Sony läuft im Megapixel-Rennen munter mit. Die 16 Megapixel Auflösung der a55 auf einem APS-C-Sensor sind für meinen Geschmack zu viel des Guten! Damit werden Aufnahmen in der Regel nicht mehr schärfer oder detailreicher als mit 12 Megapixel (die ich für das Optimum an APS-C halte).