Posted by on Sonntag, 30. Juni 2013 in Blog, Fotografie | 27 Kommentare

Ein großer Hersteller von DSLRs erzählte kürzlich, dass etwa 50 Prozent seiner Kunden genau ein Wechselobjektiv für ihre Kameras hätten. Da frage ich mich: Warum kaufen sich die Leute denn nicht gleich eine Kompaktkamera mit fest eingebautem Objektiv?

Ich kann es mir denken: DSLRs verheißen einen wesentlich bessere Bildqualität. Kompaktkameras sind deswegen so klein und kompakt, weil sie einen kleinen Bildsensor haben. Je kleiner aber ein Bildsensor ist, desto schlechter ist in der Regel die Bildqualität – insbesondere bei zunehmender ISO-Zahl. Wer das Objektiv an seiner Systemkamera niemals wechselt, hat sich den Apparat also wohl vor allem deshalb gekauft, weil er sich davon eine bessere Bildqualität verspricht.

Sensorgrößen im Vergleich

Sensorgrößen im Vergleich

Auch mich hat die Bildqualität der meisten Kompaktkameras bislang nicht überzeugen können. Dabei bin ich schon seit mehr als einem Jahr auf der Suche nach einer Kompakten, die ich immer dabei haben kann – als Ergänzung zur meiner Sony A99. Was nützt die beste Kamera, wenn sie zuhause im Schrank liegt? Das iPhone habe ich zwar immer dabei, Ersatz für eine Kamera ist es aber wirklich nicht. Wenn da die Sonne von hinten auf den fettigen Touchscreen scheint, könnte ich fast genauso gut mit verbundenen Augen fotografieren. Gar nicht davon zu reden, dass ich damit auf eine fixe Weitwinkelbrennweite festgelegt bin, das Smartphone nur in JPEG aufzeichnet, die Aufnahmen bereits bei moderaten ISO-Zahlen rauschen wie Hülle oder von der Rauschunterdrückung glattgebügelt werden etc. pp.

Vor rund einem Jahr hat Sony die Cybershot DSC-RX100 herausgebracht. Diese Kamera ist mit einem Bildwandler im 1-Zoll-Format bestückt, zoomt von 28 bis 100 Millimeter und ist dennoch kaum größer als eine Zigarettenschachtel – das ließ mich seinerzeit gleich aufhorchen. Skeptisch war ich allerdings, dass Sony gleich 20 Megapixel auf den Sensor gequetscht hat. Diese Skepsis verflog dann aber rasch, als die ersten Testberichte erschienen, die die Bildqualität der RX100 zumeist in den höchsten Tönen loben.

Dennoch war die RX100 nicht ganz das Richtige für mich. Ein starr verbautes Display mag die Kamera zwar ein paar Millimeter schlanker machen. Es erschwert aber die Bildkomposition deutlich, macht sie bei hellem Sonnenschein bisweilen gar unmöglich (s. o.).  Für mich steht zudem fest: Auch an meine Hosentaschenkamera sollte sich ein leistungsfähiges Blitzgerät anschließen lassen. All das konnte und kann die RX100 mir nicht bieten, sodass sie mir bei allen Kompromissen zu teuer war.

Am Donnerstag hat Sony nun die RX100 II vorgestellt, die all das bietet (und noch mehr), was ich bislang an der Vorgängerin vermisst habe: Das Display ist zumindest klappbar (rund 45 Grad nach unten und fast 90 Grad nach oben). Zudem hat Sony die RX100 II mit dem neuen „Multi Interface Zubehörschuh“ ausgestattet. Er nimmt nicht nur ein externes Blitzgerät auf (z. B. meinen HVL-20), sondern auch den Videosucher FDA-EV1MK oder ein Stereomikrofon.

Sony RX100 II: Neu, geändert und verbessert

20-Megapixel-Sensor jetzt in BSI-Design mit höherer Empfindlichkeit

ISO 160 – 12.800 (ISO 100 – 25.600 erweitert)

Display klappbar

Multi Interface Zubehörschuh

Multi Terminal (USB-Buchse nimmt Kabelfernbedienung auf)

WiFi-Konnektivität mit NFC

Sony war so freundlich, mir die neue RX100 II für einen Nachmittag in die Hand zu drücken. Fotografiert habe ich im und rund ums BMW-Museum in München. Mein Eindruck von der Kamera ist sehr positiv. Das Klappdisplay ermöglicht zum Beispiel bodennahe Aufnahmen, ohne gleich die Hose oder gar das Hemd zu verschmutzen. Als sehr hilfreich habe ich dabei die virtuelle Wasserwaage empfunden, sie hilft sehr gut, die Kamera waagerecht auszurichten. Auch das Bedienkonzept ist durchaus gelungen. Besonders angetan hat es mir der Funktionsring an der Objektivwurzel. Ihn habe ich sogleich so konfiguriert, dass er die Belichtungskompensation steuert (eine Funktion, die ich ständig brauche). Für ein paar Aufnahmen konnte ich den FDA-EV1MK ausprobieren, der ein sehr detailreiches Sucherbild liefert. Anders als beim EVF der A99 liegt seine Austrittspupille allerdings recht tief, sodass ich mit Brille keine Chance habe, das Sucherbild zur Gänze zu erfassen. Immerhin ist der optionale EVF mit einer Dioptrienkorrektur versehen, da habe ich dann einfach die Brille in die Stirn geschoben.

Sony hat aber bei der RX100 nicht nur das Handling verbessert und den Funktionsumgang erweitert – auch unter der Haube hat sich etwas getan: Der Sensor ist nun in BSI-Technologie ausgeführt, er wird also rückwärtig belichtet. Beim herkömmlichen Sensordesign werden die Leiterbahnen nach vorne weggeführt, die Leitungen liegen also vor der lichtempfindlichen Schicht. Nicht so beim BSI-Wandler der RX100 II – hier wird das Signal nach hinten weggeführt, keine Leitungen stören das Licht auf seinem Weg in die Tiefen des Siliziums. Sony reklamiert, dass der neue EXMOR-R-Sensor der RX100 II rund 40 Prozent lichtempfindlicher sei als der herkömmlich konstruierte Bildwandler der Vorgängerin.

Rechts: Bei herkömmlichen Sensordesign muss sich das Licht erst einen Weg durch die Verdrahtung bahnen. Links: Bei BSI-Sensoren wandert die Verdrahtung nach hinten, die Ausbeute der lichtempfindlichen Schicht ist größer.

Links: Bei herkömmlichen Sensordesign muss sich das Licht erst einen Weg durch die Verdrahtung bahnen.
Rechts: Bei BSI-Sensoren wandert die Verdrahtung nach hinten, die Ausbeute der lichtempfindlichen Schicht ist größer.

Wie sehr diese Neuerung der Bildqualität der RX100 II zugutekommt, muss ich mir noch genau ansehen. Mich interessiert vor allem, wie es mit der Qualität der RAW-Aufnahmen bestellt ist, nachdem ich sie in Lightroom optimiert habe. Leider liest Lightroom 5 die RAWs der RX100 II noch nicht, sodass ich bislang nur einen Blick auf die JPEGs werfen konnte. Und die machen einen guten Eindruck – berücksichtigt man die Größe der Kamera, sind sie sogar exzellent. Selbst Aufnahmen, die mit ISO 3200 entstanden sind, zeigen kaum Bildrauschen, dafür aber noch verblüffend viele Details. Auch hat Sony die Bildaufbereitung augenscheinlich sehr zurückhaltend abgestimmt: Die JPEGs vertragen in Lightroom durchaus noch eine kräftige Extra-Portion Schärfe, ohne dass es zu Schärfeartefakten kommt. Auch die Farbwiedergabe ist vorbildlich zurückhaltend, zudem zeigen die Aufnahmen eine schöne Tiefendynamik, auch dunkle Bildpartien sind noch schön durchgezeichnet.

Die Bildqualität der RX100 II kann sich auf den ersten Augenschein durchaus mit der einer APC-DSLR messen. Wer also bislang nur deshalb eine DSLR ausschließlich mit Standardzoom einsetzt, weil deren Sensor deutlich größer als bei einer Kompaktkamera ist, kann genauso gut die RX100 II in die Foto- äh, Hosentasche stecken. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Gestaltungsmöglichkeiten mit der RX100 II etwas eingeschränkt sind. So wurde an dem Objektiv (das unverändert von der RX100 übernommen wurde) häufiger kritisiert, dass es mit F4.9 am langen Teleende von 100 Millimeter nicht sonderlich lichtstark sei. In der Tat entspricht damit die Tiefenschärfe bezogen auf Kleinbild F13.4. Um das Hauptmotiv bei großer Blende vor einem unscharfen Hintergrund abzubilden, eignet sich die RX100 II also weniger gut. Aber auch Sony kann die Grenzen der Physik nicht überwinden: Für eine größere Lichtstärke müsste der Objektivdurchmesser wachsen, die Kamera würde größer und schwerer, teurer …

Falls ich noch einen Wunsch für die nächste Version dieser Kamera frei hätte, dann wären es ein paar Millimeter weniger Weitwinkel-Brennweite. Die RX100 II zoomt (wie ihre Vorgängerin) von 28 bis 100 Millimeter (bezogen auf Kleinbild). Ich bin aber ein Weitwinkel-Fan, an der A99 habe ich recht oft ein 20er angesetzt. Das ermöglicht mir nicht nur weite Landschaftsaufnahmen sondern vor allem auch interessante Perspektiven. Mit 24 oder wenigstens 26 Millimeter Anfangsbrennweite würde Sony mir schon sehr entgegen kommen. Dass das Objektiv dann eventuell noch stärker verzeichnen würde – geschenkt! Zwar sieht man schon auf dem Display, wie bei 28 Millimeter gerade Linien durchgebogen werden – aber ich werde die Kamera sicherlich nicht für Reproaufnahmen einsetzen. Zudem korrigiert die Bildaufbereitung diesen Abbildungsfehler automatisch, bei RAW-Aufnahmen erledigt das dann Lightroom.

Wenn ich bislang doch einmal mit dem iPhone fotografiert habe, dann praktisch immer, um die Fotos gleich verteilen zu können – per E-Mail, im sozialen Netz etc. Wer darauf Wert legt, war bislang mit einem Smartphone deutlich besser bedient als mit einem Fotoapparat. Wie fast alle Kamerahersteller hat auch Sony bislang eher zögerlich auf diesen Trend reagiert. So gibt es bei der NEX-6 und NEX-5R die Möglichkeit, die Kameras mit Apps auszustatten, über die sich Aufnahmen an ein Smartphone senden lassen. Bei der RX100 II hat Sony dies nun vereinfacht, die Kamera ist bereits von Haus mit entsprechenden Funktionen zur Bildübertragung versehen. Man braucht nur noch die App PlayMemories Mobile fürs Smartphone. Sehr vereinfacht wird der Datenaustausch dadurch, dass die die RX100 II Near Field Communication (NFC) beherrscht. Einfach die Kamera ans Smartphone halten, die Verbindung initialisieren und schon fließt der Datenstrom – das lästige Einbinden und Freigeben der Geräte im Netzwerk entfällt also. Blöd nur, dass für mein iPhone NFC ein Fremdwort ist.