Posted by on Samstag, 23. November 2013 in Blog, Fotografie | 24 Kommentare

Benjamin Kirchheim, Kameratester und Redakteur bei digitalkamera.de, braucht eine neue Kamera ganz für sich privat. Da hat er sich nun die Sony RX10 ganz genau angesehen. Wird Benjamin die rund 1.200 Euro ausgeben, die er für die RX10 auf die Ladentheke legen müsste? Hier ist sein ganz persönlicher Bericht:

Als Kameratester beim Onlinemagazin digitalkamera.de habe ich es nicht leicht, wenn es darum geht, mir eine eigene Kamera zuzulegen. Und das nicht obwohl ich Zugriff auf so viele Kameras habe, sondern gerade deswegen. Pro Jahr gehen mindestens 50 Kameras durch meine Hände, werden von mir im Labor auf Bildqualität getestet und einige davon auch länger in der Praxis, andere schicke ich an Martin Vieten oder einen anderen Autoren zum Praxistest. Ständig habe ich neue, immer bessere Kameras in der Hand, doch bei praktisch jeder finde ich Kritikpunkte, Kompromisse oder gar Eigenschaften, die ich für mich nicht akzeptieren kann, wenn eine Kamera meine ständige Begleiterin werden soll. Jede Kamera hat Stärken und Schwächen. Hinzu kommt, dass ich durch das Testen sowieso fast immer irgendeine Kamera zur Verfügung habe oder mich mit ihnen einarbeiten muss, Freizeit und Beruf greifen fließend ineinander. Nach langen Jahren ohne gute eigene Kamera wächst in mir der Wunsch nach einer Konstanten bei den vielen flüchtigen Kamerabekanntschaften.

Schon von der Sony RX100 war ich im vergangenen Jahr sehr angetan, zum Kauf kam es aus eher monetären Gründen dann nicht. Schließlich habe ich auch noch andere Hobbys, die Geld kosten, da musste ich Prioritäten setzen. Doch nun rückt eine eigene Kamera wieder in meinen Fokus. Soll es die Sony RX100 II sein, die sehr kompakte Kamera mit hervorragender Bildqualität zum akzeptablen Preis, auch wenn sie kein Schnäppchen ist? Dann trat die RX10 auf den Plan, die Martin mir mit seinem Artikel besonders schmackthaft machte. Sie schien eine wahre eierlegende Wollmilchsau zu sein: Robustes, spritzwassergeschütztes Gehäuse, wie es in der Pressemitteilung heißt, Klappbildschirm, hoch auflösender Sucher, der hervorragende 1″-Sensor der RX100 II und dazu ein großes Zoom von 24-200 mm (bezogen auf Kleinbild) mit einer durchgehenden Lichtstärke von F2,8, was für mich ausreichendes Freistellungspotential und gleichzeitig genug Schärfentiefe ohne zu starkes Abblenden verspricht. Obendrein gibt es noch den Telemakromodus, ein von mir geschätztes, aber selten anzutreffendes Feature. Das Ganze ungefähr zum Preis einer RX100 II mitsamt Aufstecksucher.

Ich fieberte dem 22. November regelrecht entgegen und genau an diesem Tag lag wie von Sony angekündigt das Paket mit der RX10 als Testkamera auf meinem Schreibtisch. Nun halte ich sie in den Händen und habe gemischte Gefühle dabei. Im Ersteindruck ist die RX10 gut verarbeitet, haut mich aber nicht vom Hocker, ich hätte mehr erwartet. Das Gehäuse besteht nur oben und vorne aus einer Magnesiumlegierung, die Bodenplatte sowie die Rückwand bestehen aus hochwertigem Kunststoff.

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Wenn der Feuchtigkeitsschutz nicht reicht: Passend zur RX10 bietet Sony die Schutztasche LCJ-RXE an.

Der in der Pressemitteilung versprochene Spritzwasserschutz ist keiner. Auf der Website schreibt Sony von einem Feuchtigkeitsschutz. Was soll das sein? Es scheint sich eher um einen Marketinggag zu handeln. Speicherkarten- und Akkufach haben keine Gummidichtungen, auch die Schnittstellenabdeckung scheint nicht besonders dicht zu sein und der ausfahrende Objektivtubus macht nicht den Eindruck, mit einer Gummilippe versehen zu sein. Ich möchte gerne fotografieren können, wenn andere die Kamera einpacken. Ich bin gerne am und auf dem Wasser unterwegs. sowie mit dem Rad und zuweilen mit Zelt. Sand, Gischt auf dem Segelboot oder einem Schauer beim Radfahren sollte meine Kamera schon standhalten. Starkem Regen würde ich die RX10 jedoch nicht aussetzen und schon gar nicht unterm Wasserhahn abspülen, gerade das würde ich aber von einer allwettertauglichen Kamera erwarten (bei einer Olympus E-5 oder OM-D bspw. ist das gar kein Problem). Nur untertauchen muss meine Kamera nicht können. Einen starken Gewitterregen zu überstehen traue ich der RX10 aber nicht zu. Am recht schlabberigen Objektivtubus, an den Schnittstellen, am Speicherkartenfach sowie am Akkufach würde unweigerlich Regenwasser eindringen. Bei leichtem Regen, Nebel, Nieselregen, feiner Gischt etc. habe ich schon Kameras unbeschadet eingesetzt, die über keinerlei Schutz verfügen – hier scheint mir die RX10 nicht viel besser zu sein.

Bildunterschrift

Bereits bei Offenblende löst das  8,3fach-Zoom der RX10 ordentlich auf. Doch bei kürzester Brennweite (Balkenpaar ganz links) lässt das Auflösungsvermögen zu den Bildärndern hin kräftig nach. Das stört vor allem bei der Aufnahme planer Motive, etwa von Häuserfronten oder Plakatwänden. Sichtbar weich werden die Bildränder indes erst bei Ausdrucken größer als DIN-A4.

Die oft in Vorabtests geäußerte Kritik am elektronischen Zoom kann ich nun nachvollziehen. Das Zoom verstellt sich nur sehr langsam, 3,4 Sekunden dauert es bei höchster Geschwindigkeit vom Weitwinkel bis zur Telestellung. Das empfinde ich als recht lange. Auch die Einschaltzeit ist mit 1,7 Sekunden nicht gerade kurz (aber schneller als die RX100 II). Immerhin kann man die Brennweite mit dem Ring sehr fein verstellen, fast millimetergenau, was sogar auf dem Bildschirm angezeigt wird, so muss das sein! Mir völlig unverständlich, warum andere Kameras die Brennweite zwar millimetergenau in die EXIF-Daten schreiben, aber nicht auf dem Display nennen. Die begrenzte Zoomgeschwindigkeit führt dazu, dass es sich bei schnellem Drehen am elektronischen Zoomring sehr träge anfühlt. Schnelles Zoomen von Weitwinkel zum Tele (und wieder zurück) mit einem Dreh wie bei einem manuellen Zoom ist nicht möglich. Insgesamt ein unzufriedenstellender Zustand, andererseits aber für mich letztlich kein Ausschlusskriterium.

Selbst das Stufenzoom scheint mir leider nicht ganz durchdacht, denn die Stufen sind mit 24, 35, 50, 70, 100, 135 und 200 mm fest vorgegeben. Die 70 bräuchte ich nicht, dafür fehlen mir 28 und 85 mm. Ich habe schon Kameras gesehen, da konnte man verschiedene Zoomstufen an- und abwählen, das fehlt mir bei der RX10. Und auch hier wieder Kritik an der Verarbeitung: Ausgefahren klappert der Tubus ziemlich stark, das spricht nicht gerade dafür, dass er mittels Gummidichtung gegen eindringendes Wasser geschützt ist. Immerhin kann man bei eingeschaltetem Stufenzoom weiterhin feinfühlig mit zwei Geschwindigkeiten auch Zwischenbrennweiten mittels Zoomwippe anfahren. Das gefällt mir gut.

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Abblenden auf F8 steigert das Auflösungvermögen insbesondere im Telebereich kräftig. Es bleibt allerdings im Weitwinkelbereich beim Auflösungsverlust zu den Bildrändern hin.

Nächster Kritikpunkt ist der Handgriff. Die Kamera ist sehr groß und mir rund 820 Gramm auch kein Leichtgewicht, der Griff dürfte dafür gerne mehr Volumen haben, denn ohnehin bestimmt das voluminöse Objektiv die Größe. Unschön ist auch die mindere Qualität des Daumenrads, es müsste viel griffiger sein. Ich muss den Daumen stark darauf pressen, um es zu bewegen, die Rastung hingegen spürt man kaum. Zuweilen werden bei einem „Klick“ gleich zwei Verstellbefehle ausgeführt, also der gewünschte Wert bspw. bei der Belichtungszeit übersprungen. Das Belichtungskorrekturrad auf der Oberseite ist hingegen genau richtig. Griffig, satt rastend, schwergängig, perfekt bedienbar. So müsste das Daumenrad sein! Bei einer 1200-Euro-Kamera hätte Sony sich mehr Mühe geben können. Bei der NEX-7 bspw. gehen die Räder doch auch sehr schön. Sogar das untere Drehrad der RX10 ist da besser, obwohl ich die Kombination mit der Vierwegewippe nie so optimal finde, da man zuweilen versehentlich einen Richtungsknopf beim Drehen betätigt.

Sehr gut gefallen mir der Blendenring, der wunderbare Sucher (großes, fein auflösendes Kino, aber mit Brille leider leicht abgeschattet) und das beleuchtbare Statusdisplay. Wobei Sony hier leider die Belichtungswaage vergessen hat, beim manuellen Belichten bleibt nur der Blick auf den Bildschirm bzw. durch den Sucher. Beleuchtbare Tasten wären die Krönung gewesen, aber die RX10 hat relativ wenig Bedienelemente, so dass man nach kurzer Zeit die Tasten ohnehin blind findet (sehr gut, da kann das Auge am Sucher bleiben). Der Blitzmechanismus gefällt mir ebenfalls. Auch das Menü scheint Sony mal wieder ein wenig überarbeitet zu haben, es lässt sich sehr gut bedienen. Phantastisch ist die Makrofunktion, die in Telestellung fast denselben Ausschnitt zulässt wie im Weitwinkel, dann aber ohne die lästige Abschattung durch das Objektiv. 9 x 6 cm kleine Objekte lassen sich formatfüllend abbilden, im Weitwinkel kommt man sogar noch ein klein wenig näher heran.

Auch de Autofokus ist, mit Ausnahme des Makromodus, äußerst schnell. Die Vorfokussierung lässt sich an- und abschalten. Sie ist sehr praktisch, da man immer ein scharfes Sucherbild hat und die Fokussierung beim Auslösen dauert dann keine 0,2 Sekunden mehr. Ohne Vorfokussierung dauert es nur in Telestellung mit knapp unter 0,4 Sekunden etwas länger. Die Auslöseverzögerung ist mit 0,01 Sekunden sogar hervorragend schnell, das schafft keine DSLR! Zudem hört man beim Auslösen nur ein sehr leises Klackern. Schade ist allerdings, dass man die Betriebsgeräusche nur gemeinsam ein- und ausschalten kann. Den Selbstauslöser sowie die Fokusbestätigung höre ich gerne, nicht aber ein künstliches Auslösegeräusch!

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Trotz ihres relativ kleinen 1-Zoll-Sensors zeigt die RX10 einen Signal-Rauschabstand wie aus dem Lehrbuch.

Zum manuellen Fokussierung dient der Zoomring, wobei der Autofokus jedoch äußerst präzise arbeitet. Ich habe es beim Labortest nicht geschafft, mit manuellem Fokus genauer zu fokussieren als automatisch, eher im Gegenteil. Die Fokussierhilfen Lupe und Fokuspeaking sind leider nur bedingt brauchbar. Die Lupe springt träge an und schaltet sich zuweilen während des Fokussierens wieder ab. Zudem bekommt die Kamera ganz sanfte Drehungen am Objektivring manchmal nicht richtig mit. Besser geht es, wenn man das automatische Abschalten der Lupe deaktiviert, dann aber muss man einen Knopf drücken, um den gesamten Bildausschnitt wieder zu sehen. Das Fokuspeaking ist leider selbst auf niedrigster Stufe zu kräftig, ein zu großer Fokusbereich wird als scharf gekennzeichnet, auch mit Lupe. Ohne Peaking aber mit Lupe lässt sich da noch genauer fokussieren, aber wie bereits geschrieben, ist der Autofokus noch genauer! Mit dem flexiblen Spot lässt sich das Fokusfeld sehr fein verschieben, ein Touchscreen mit Touch-Fokus wäre natürlich die Krönung.

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Die Messung der Texturschärfe bringt es ans Licht: Das gute Rauschverhalten der RX10 ist auch ein Verdienst ihrer Rauschunterdrückung. Ihr fallen ab ISO 800 vermehrt feinste Bilddetails zum Opfer. Kritisch wird dieser Detailverlust aber erst ab ISO 3.200 – und das auch nur, falls die Aufnahmen größer als DIN A4 ausgegeben werden.

Bei der Bildqualität lieferte die RX10 im Labortest zwar sehr gute Ergebnisse ab, aber ein paar Kritikpunkte bleiben auch da nicht aus. Das Bildrauschen ist bei einem hervorragenden Detailerhalt bis ISO 800 gering, bis zu diesem Wert würde ich mich auf die Automatik verlassen, was mir im Alltagsgebrauch reicht. ISO 1600 und 3200 würde ich nur manuell ansteuern, wenn es anders nicht mehr geht, die Bildqualität ist okay, genügt aber nicht mehr meinen hohen Ansprüchen bei einer Bildvergrößerung, da sich hier an Kanten und Bilddetails Artefakte zeigen. Bei ISO 6.400 und 12.800 wird das Rauschen wolkig und bekommt einen Rotstich, das mag ich nicht und ist selbst bei weniger starken Vergrößerungen unschön. Soweit liefert die RX10 genau das, was die RX100 II schon konnte, und mehr brauche ich nicht!

Beim Objektiv ist mir eine gleichmäßige Bildschärfe über die Brennweiten, Blenden und von der Bildmitte zum Bildrand wichtig. Ich möchte nicht darüber nachdenken, welche Brennweite ich wähle, wenn mein Motiv auch eine hohe Auflösung am Bildrand erfordert. Sei es eine schöne Hausfassade oder ein Zeitungspapier (oder Plakat), das ich abfotografiere und später lesen möchte. Dies gerade im Weitwinkel zu liefern, erst Recht bei einem größeren Zoom, ist schwer, das ist mir bewusst. Ihre höchste Auflösung insgesamt erreicht die RX10 im Weitwinkel bei F5.6, dabei schlägt sie die RX100 II deutlich. Auf- und Abblenden beeinflussen mit Ausnahme von F16, wo sich Beugung deutlich bemerkbar macht, die Auflösung nur wenig. Allerdings liefert die RX10 am Bildrand 1/3 weniger Auflösung. 1/5 fände ich sehr gut, 1/4 weniger noch akzeptabel, aber 1/3 Verlust ist mir zu deutlich. Bei 70 und 200 mm hingegen ist die Auflösung zum Bildrand sehr gleichmäßig, dafür aber im Zentrum geringer als im Weitwinkel. Bei 200 mm muss man auf F5.6 abblenden, um eine gute Auflösung zu erreichen. Im Vergleich zur RX100 II ist die Auflösung im Weitwinkel höher, aber der Randverlust stärker, bei mittlerer und langer Brennweite ist die RX10 im Zentrum auf ähnlichem Niveau (bei 200 mm erst ab F5.6) und am Bildrand sogar besser. Für ein Achtfachzoom ist das Objektiv der RX10 definitiv sehr gut. Beispielbilder aus dem Labor in RAW und JPEG, aufgenommen im Weitwinklel bei F5.6 und allen relevanten ISO-Stufen sind übrigens auf digitalkamera.de zu finden und im Gegensatz zum Labortest kostenlos.

Obwohl die RX10 eine sehr gute Kamera ist, vermag sie meinen außerordentlich hohen Ansprüchen und Erwartungen zu dem Preis von 1200 Euro nach meinen bisherigen Eindrücken nicht ganz zu genügen. Den fehlenden Spritzwasserschutz, das Daumenrad und den Randabfall der Auflösung im Weitwinkel mag ich als Kröten letztlich nicht schlucken und so rückt die RX100 II wieder mehr in meinen Fokus. Die ist zwar auch nicht spritzwassergeschützt, verschwindet aber aufgrund der Kompaktheit schnell in der Innentasche der wasserdichten Jacke und so scheint mir die RX100 II momentan der sprichwörtlich tragbarere und auch nicht ganz so kostspielige Kompromiss, bei dem ich zugunsten der Kompaktheit sogar auf den Sucher verzichten mag. Vielleicht bis zur RX10 II mit besserem Daumenrad oder der RX20 mit robusterem Gehäuse, größerem Handgriff und im Weitwinkel noch etwas besserem Objektiv, mir würde ja sogar ein 2.8 24-120 reichen, das wäre noch etwas kompakter. Vielleicht dann in einer RX50. Und so bleibt der Kameramarkt weiterhin spannend. Oder aber ich ändere meine Meinung zur RX10 ja sogar in den nächsten rund zwei Wochen Praxistest nochmals.