Posted by on Freitag, 28. November 2014 in Blog, Review | 1 Kommentar

Dank der Mithilfe von Martin hatte ich die Möglichkeit, das neue 85er Otus an zwei Tagen zu begrabbeln und an meiner Sony Alpha 7R auszuprobieren. Für einige Aufnahmen hatte ich auch eine Nikon D800 zur Verfügung.

Ich hatte vor einigen Wochen bereits über ein Wochenende das Otus 1,4/55 mm geliehen und war extrem begeistert von den Ergebnissen und auch vom Handling an der Sony Alpha 7R. Dies erzeugte ein große Erwartungshaltung bei mir – und schon hier darf ich sagen: ich wurde keinesfalls enttäuscht.

Otus 1.4/55 mm bei f/2.0 an Sony Alpha 7R

Otus 1.4/55 mm bei f/2.0 an Sony Alpha 7R

Zuvor noch ein wichtiger Hinweis: dies ist kein Test – ich habe keine Katzen fotografiert. Und auch keine Labortests durchgeführt, noch das Objektiv über Wochen genutzt. Ich habe einfach nur an zwei Tagen Bilder gemacht.

 

Äußeres

Das Otus ist ein ziemliches Monster für ein 85mm-Objektiv – aber das gilt ja auch für das Otus 1,4/55 mm. Die Verarbeitung ist erstklassig, der Fokusring ein Traum. Das Objektiv hatte Nikon-Anschluss und damit einen „altmodischen“ Blendenring. Dieser ging mir persönlich etwas zu leichtgängig, ich habe einige Male beim Fokussieren die Blende unabsichtlich mit verstellt. Das mag aber auch daran liegen, dass das Objektiv an der Sony Alpha 7R nur mit einem Adapter angesetzt werden kann – damit landet der Blendenring recht weit weg von der Kamera. Das „erleichtert“ ungemein eine Fehlbedienung. Vorwerfen darf und will ich Zeiss hier nichts – das Objektiv ist schließlich als ZF.2 für die Verwendung am Nikon-Bajonett konstruiert, und nicht für die Verwendung an der Sony Alpha 7 via Adapter.

Und außerdem spielt das an einer Nikon keine Rolle, der Blendenring wird bei der kleinsten Blendenöffnung arretiert, und die Blende nur über die Kamera gesteuert.

 

Adapter

Es wurde der Novoflex-Adapter genutzt, perfekter Sitz auf beiden Seiten. Eine glatte Fehlkonstruktion für die Nutzung an der Alpha 7 ist hingegen die als Zubehör erhältliche Stativschelle – diese wurde für die NEXen konstruiert. Der dickere Griff an der Alpha-7-Serie verhindert, dass man die Kamera am Adapter auf Hochformat drehen kann. Schon das Ansetzen des Objektives bei installierter Stativschelle ist kniffelig. Zudem fehlt eine Rille oder ähnliches, worin sich der Ring drehen könnte. Sobald man also den Ring löst, um Objektiv oder Kamera zu drehen, rutscht so was Großes wie ein Otus vor oder zurück und verkantet.

Falls ich ein Otus für die A7 kaufen würde, dann im Canon-Mount. Dann kann ich mit entsprechenden Adaptern die Blende von der Kamera aus steuern, zudem kann man immer bei Offenblende fokussieren.

 

Handling

Auch wenn das Objektiv groß und schwer ist, gefiel mir die Kombination mit der Alpha 7R, die allerdings mit dem Batteriegriff versehen war. Ohne diesen (auch das habe ich kurz probiert) ist das Ganze dann doch etwas grenzwertig – hier ist die Kamera nicht hoch genug, so dass mein kleiner Finger keinen Halt findet. Und bei dem hohen Gesamtgewicht der Kombi brauche ich diesen zusätzlichen Halt.

Rein optisch sieht es passender aus, wenn „hinter“ das Objektiv die Nikon hängt. Auch hält sich die Kombination sehr gut – ich habe das aber nun nicht lange genug gemacht, um zu sagen, ob die Kombination über ein längeres Shooting nun besser oder weniger gut zu halten wäre. Man hat halt mehr in der Hand, dafür ist die Kombination aber auch deutlich schwerer.

Das große Gewicht des Otus hat auch den Vorteil, dass ich mit ca. 1/100 Sek. an der Alpha 7R noch knackscharfe Bilder bekam – und das, obwohl ja der Verschluss der A7R durchaus etwas schlägt.

Ich habe das Objektiv nur freihand genutzt – für den Einsatz auf dem Stativ braucht man zwingend einen Adapter mit funktionierender Stativschelle. Das Gehäuse der Sony Alpha 7 möchte ich nicht mit einer derart großen Last am Bajonett belasten.

 

Fokussieren

Das Otus will manuell fokussiert werden – und hier ist die Sony A7 der Nikon haushoch überlegen. An der Nikon hat man nur eine Chance auf korrekten Fokus, wenn man das AF-System nutzt und entsprechend der unten im Sucher eingeblendeten Pfeile fokussiert, bis der grüne Punkt erscheint. Problem dabei: man muss gleichzeitig darauf achten, dass der Fokussensor an der richtigen Stelle im Bild ist und parallel unten die Pfeile beobachten, um den Fokus korrekt zu justieren.

Dies geht an der Sony Alpha 7 deutlich besser – ich habe zuerst den Bildausschnitt festgelegt, dann ein kurzer Druck auf C1, danach wird das Zoomfeld passend verschoben und mit einem weiteren Druck auf C1 gezoomt. Dann wird fokussiert, und wenn der Fokus sitzt, der Auslöser direkt durchgedrückt. Bei Offenblende ist die Tiefenschärfe minimal, daher ist dieses Vorgehen ideal – es muss nach dem Fokussieren nicht mehr verschwenkt werden. Allerdings muss man das Objektiv ruhig halten – schon bei 85 mm wird der gezoomte Bildausschnitt im Sucher recht klein und damit führt ein leichtes Zittern zu einem recht wild springenden Sucherbild. Hier wäre eine Stabilisierung hilfreich (und Sony hat mich ja erhört, die gerade neu vorgestellte A7II bietet dieses).

Das ist natürlich nix für Fotografen, die mit 10 Bilder/s ihre Aufnahmen machen. Ich komme eher auf 1 Bild/5s oder so…

 

Bildqualität

Das ist das, worum es ja eigentlich geht bei einem Objektiv. Alles oben ist nett – aber es kommt nur auf die Ergebnisse an. Ich habe das Otus hauptsächlich bei Blende 1,4 und 2,0 genutzt – bei Blende 8 sind die meisten Linsen gut :-) Vergleichend wurde das Leica APO-Makro 2,8/100 sowie das Zeiss 2/110 PQ an einer Leaf AIF-II 7 genutzt. Nachfolgend links eine ältere Aufnahme aus der Mittelformat mit 110 mm, Blende 2 und rechts mit Sony Alpha 7R, Otus 85 mm bei Blende 1,4:

Mittelformat mit 110 mm bei f/2.0

Mittelformat mit 110 mm bei f/2.0

 

Sony Alpha 7R, Otus 85 bei f/1.4

Sony Alpha 7R, Otus 85 bei f/1.4

Solche zwei Bilder können nicht repräsentativ sein – aber nach den Bildern der zwei Tage und der Erfahrung von rund fünf Jahren, die ich das Mittelformatsystem nun habe, akzeptiere ich die Aussage von Zeiss, dass das Otus an einer Kleinbildkamera eine zum Mittelformat vergleichbare Bildqualität erreicht. Zumindest solange man nicht die im Mittelformat heute erhältlichen 80 Megapixel braucht.

Die Bildschärfe schon bei Offenblende ist beeindruckend, gleichzeitig erhält man ein wunderbares harmonisches Bokeh. Das Otus liefert hier wirklich eine in meinen Augen perfekte Leistung. Und es ist mit den 36 Megapixel der Sony A7R noch nicht ausgelastet – ich bin überzeugt, dass es auch mit einem sicher einmal kommenden ~50-Megapixel-Sensor nicht überfordert sein wird.

Womit wir zur Frage aller Fragen kommen – braucht man Blende 1,4 bei 85mm? Die Antwort ist ein klares – Jein … . Für Halbportraits oder Fashion-Aufnahmen ist die große Öffnung für mich unverzichtbar. Nur so bekommt man das Model perfekt aus dem Hintergrund hinausgelöst. Für enge Portraits hingegen reicht locker Blende 2,8. Hier ein Beispiel – wieder Blende 1,4 beim Otus:

Otus 85 mm bei f/1.4

Otus 85 mm bei f/1.4

So in Webgröße liegt die Schärfe schön am Auge – aber hier nun der 100%-Ausschnitt daraus (nicht weiter nachgeschärft!):

100%-Ausschnitt: Die Wimpern sind scharf, das gesamte Auge jedoch nicht mehr.

100%-Ausschnitt: Die Wimpern sind scharf, das Auge jedoch nicht mehr.

Da sind die Wimpern vorne korrekt fokussiert, aber schon das Auge selber in außerhalb der Schärfeebene. Hier würde ich normalerweise weiter abgeblendet haben, aber ich wollte ja das Otus testen…

 

Fazit

Werde ich ein Otus kaufen? Für mich persönlich hängt das von der Ausstattung einer zukünftigen Sony Alpha 9 ab – was auch heißt: für meine Sony A7R würde ich das Objektiv nicht kaufen. Meine Mittelformatkamera hat Autofokus (wenn auch nur einen Sensor mittig), und das hilft schon ungemein.

Wenn aber Sony in einer Alpha 9 sowohl den SteadyShot (der ist für mich sicher) als auch das Patent eines Z-Shift (welcher dann zumindest einen Feinfokus-AF auch mit eigentlich manuellen Objektiven erlauben würde) verwirklichen würde, dann wäre für mich ganz sicher der Zeitpunkt gekommen, das Mittelformatsystem aufzugeben und mir definitiv auch das 85er Otus zu kaufen.