Posted by on Dienstag, 12. Mai 2015 in Blog, Review | 6 Kommentare

Noch ist das neue Makroobjektiv Sony FE 90 mm 2.8 Macro G OSS nicht erhältlich. Doch ich konnte bereits ein erstes Sample für ein paar Tage ausprobieren. Fast noch mehr als die optische Leistung haben mit dabei Ausstattung und Handling des SEL-90M28G begeistert. Den überaus positiven Eindruck, den ich vom neuen E-Mount-Makro gewonnen habe, trüben nur ganz wenige Kritikpunkte.

Benjamin Kirchheim von digitalkamera.de hatte das Sony FE 90 mm 2.8 Macro G OSS letzte Woche zum Test im Lübecker Labor. Und weil er mit seinem Testbericht: Sony FE 90 mm 2.8 Macro G OSS (SEL-90M28G) zügig vorangekommen ist, blieben mir ein paar Tage Zeit, mich ebenfalls mit dem neuen E-Mount-Makro zu beschäftigen. Mit den technischen Daten und den Laborergebnissen von digitalkamera.de will ich mich gar nicht lange aufhalten, das hat Benjamin ja bereits erledigt. Hier geht es jetzt vielmehr darum, welchen Eindruck das SEL-90M28G nach ein paar Tagen praktischen Einsatz auf mich gemacht hat.

Das Sony FE 90 mm 2.8 Macro G OSS ist üppig ausgestattet. Schön zu sehen sind hier die Schalter für den Fokuslimiter und die Bildstabilisator.

Das FE 90 mm 2.8 Macro G OSS ist üppig ausgestattet. Schön zu sehen sind hier die Schalter für den Fokuslimiter und den Bildstabilisator.

Mit einem Gewicht von 600 Gramm und einer Länge von 13 Zentimetern ist das 90er Makro ein ganz schöner Brocken. An meiner Alpha 7 II mit ihrem stärker betonten Handgriff habe ich allerdings keine Probleme, freihand mit der Kombination zu arbeiten. An den etwas zierlicheren Modellen A7, A7R und A7S mag das anders sein, ausprobieren konnte ich es nicht. Der Durchmesser des Objektivs beträgt 78 Millimeter an der dicksten Stelle. Damit ragt es so eben nicht über die Unterkante der Kamera hervor. Es lässt sich gerade noch auf einem Makroschlitten verwenden, ohne dass etwas schleift oder gar klemmt. Insofern ist es für mich auch kein Problem, dass Sony das SEL-90M28G nicht mit einer Stativschelle versehen hat.

Die Verarbeitung wirkt sehr solide, das neue 90er Makro besteht weitgehend aus Metall. Eine Streulichtblende liefert Sony mit, die ist allerdings aus Kunststoff gefertigt. Da hätte ich eine robustere Ausführung aus Metall bevorzugt, was sicherlich auch angesichts des recht stolzen Preises für das Objektiv von ca. 1.150 Euro (UVP) durchaus angemessen wäre.

Dank des pfeilschnellen Fokusantriebs ist das SEL-90M28G absolut schnappschusstauglich.

Dank des pfeilschnellen Fokusantriebs ist das SEL-90M28G absolut schnappschusstauglich.

Sony hat das neue 90er Makro mit einem linearem Fokusantrieb (Direct Drive SSM) ausgestattet. Er schraubt die Fokusgruppe im Objektiv nicht durch einen Schneckengang, sondern bewegt die entsprechenden Linsen linear vor und zurück. Dieser Linearantrieb arbeitet sehr schnell, insbesondere wenn er nicht den gesamten Fokusbereich zwischen der Naheinstellgrenze von 28 Zentimeter (gemessen ab Sensorebene) und unendlich durchfahren muss. Positiver Nebeneffekt: Das SEL-90M28G ist innenfokussierend, es ändert sein Länge beim Scharfstellen nicht. Mit gleich zwei schaltbaren Limitern lässt sich der Fokusbereich begrenzen: Einmal auf den Bereich zwischen unendlich und 50 Zentimeter (entspricht einem Abbildungsmaßstab von ca.1:4) und zum zweiten auf 50 bis 28 Zentimeter (Abbildungsmaßstab 1:1).

Selbst heftiges Gegenlicht bringt das SEL-90M28G kaum aus der Ruhe. Die Kontraste bleiben hoch, die Anfälligkeit für Flares ist gering.

Selbst heftiges Gegenlicht bringt das SEL-90M28G kaum aus der Ruhe. Die Kontraste bleiben hoch, die Anfälligkeit für Flares ist gering.

In der Praxis stellt der Autofokus des SEL-90M28G derart schnell scharf, dass mir damit mühelos Makrofotos aus der Hand gelungen sind. Mit meinem betagten Minolta-Makro (100/2.8) an der Alpha 77 II (und früher Alpha 99) ist das praktisch nicht möglich, weil sich bei handgehaltenen Aufnahmen der Aufnahmeabstand rascher ändert, als der Autofokus nachregeln kann. Aber auch wenn das SEL-90M28G als Portraitobjektiv herhalten muss, habe ich den Autofokus als angenehm flott empfunden; flotter jedenfalls, als ich es von jedem anderem Makroobjektiv gewohnt bin. Hinzu kommt, dass das Sony FE 90 mm 2.8 Macro G OSS mit einem optischen Bildstabilisator versehen ist; auch er erleichtert schnelle Nahaufnahmen aus der Hand. Bis zu einer Belichtungszeit von 1/60 s waren alle meine handgehaltenen Aufnahmen scharf und nicht verwackelt.

Schärfe und Detailzeichnung des FE 90 mm 2.8 Macro G OSS sind beeindruckend. Hier ein 100%-Ausschnitt aus dem Titelbild, fotografiert mit f/5.6.

Schärfe und Detailzeichnung des FE 90 mm 2.8 Macro G OSS sind beeindruckend. Hier ein 100%-Ausschnitt aus dem Titelbild, fotografiert mit f/5.6.

So beeindruckend der Direct Drive SSM auch ist – in der Regel fokussiere ich Makroaufnahmen manuell. Dazu kommt die Kamera aufs Stativ mit einem Makroschlitten, die Fokusebene justiere ich dann millimetergenau, indem ich den Abstand zum Motiv ändere. Zuvor stelle ich die Entfernung annähernd exakt am Objektiv ein. Und das, also das manuelle Fokussieren, ist mit dem SEL-90M28G eine wahre Freude. Das neue FE-Makro hat Sony mit einem griffigen Fokusring ausgestattet, der im Normalbetrieb (MF oder DMF an der Kamera vorgewählt) Befehle an den Fokusantrieb des Objektivs übermittelt (»focus by wire«). Das macht zwar nicht so viel Spaß, die Fokussteuerung fühlt sich damit indirekt, gummiartig an. Beim SEL-90M28G lässt sich aber auch auf eine komplett mechanische Fokussteuerung umschalten, dafür muss nur der Fokusring leicht nach hinten gezogen werden, der mechanische Antrieb kuppelt dann mit einem satten Klack ein. Jetzt informiert eine klassische Entfernungsskala über die aktuelle Fokusentfernung und dem daraus resultierenden Abbildungsmaßstab. Der Clou dabei: Auch die Entfernungsskala lässt sich verstellen. Beim Auskuppeln des AF fokussiert das Objektiv dann automatisch auf den Abstand, der auf der Entfernungsskala vorgegeben wurde.

Dieses Bokeh kann sich sehen lassen. Das FE 90 mm 2.8 Macro G OSS ist unempfindlich für longitd CAs, unscharfe Bereiche werden ohne lästige Farbsäume wiedergegeben.

Dieses Bokeh kann sich sehen lassen. Das FE 90 mm 2.8 Macro G OSS ist unempfindlich für longitudinale CAs, unscharfe Bereiche werden ohne lästige Farbsäume wiedergegeben.

Überhaupt bildet das SEL-90M28G mit meiner Alpha 7 II (und natürlich jeder anderen E-Mount-Sony) die ideale Kombination fürs manuelle Fokussieren. Sobald man auf MF oder DMF umschaltet und dann am Fokusring dreht, schaltet sich die Fokuslupe ein und vergrößert einen frei wählbaren Bildausschnitt kräftig. Dabei ist der Ausschnitt, den die Fokuslupe zeigt, frei wählbar. Man kann die Fokuslupe aber auch gezielt ein- und ausschalten – entweder über eine der C-Tasten an der Kamera oder mit der Funktionstaste am Objektiv. In Verbindung mit dem Focuspeaking (farbige Markierung von Kontrastkanten in der Schärfeebene) ist es wirklich ein Kinderspiel, den Fokus exakt auf die gewünschte Ebene im Motiv zu legen. So gut der Autofokus des Sony FE 90 mm 2.8 Macro G OSS auch ist, im Nahbereich habe ich stets manuell scharf gestellt, weil es mit diesem Objektiv an der Alpha 7 II (und allen anderen Alpha-7-Schwestern) so einfach ist.

Die Abbildungsleistung des SEL-90M28G finde ich insgesamt exzellent. Es löst extrem hoch auf, auch in den Ecken. Der Auflösungsverlust zu den Bildrändern hin bleibt selbst bei Offenblende unter 20 Prozent. Extreme Gegenlichtsituationen, mit denen ich das Objektiv gezielt gequält habe, meistert es ebenfalls bravourös. Die Kontraste bleiben hoch, es mogeln sich lediglich bisweilen kleine Flares ins Bild. Dank seiner neun Blendenlamellen zeichnet das FE 90 mm 2.8 Macro G OSS ein herrlich weiches Bokeh, das mich bei Portraitaufnahmen auch abgeblendet auf f/5.6 völlig überzeugt hat.

Kein Thema ist Vignettierung – dass das FE 90 mm 2.8 Macro G OSS die Bildränder bei großen Blenden um etwa 30 Prozent abdunkelt, fällt erst auf, wenn man die Vignettierung in Lightroom korrigiert. Das gilt ebenso für laterale chromatische Aberrationen (Farblängsfehler), die hervorragend auskorrigiert sind. Aber auch die für mich besonders lästigen longitudinalen chromatische Aberrationen (Farbquerfehler, Bokeh-CAs) hat Sony bei dem hochwertigen G-Objektiv gut im Griff, Farbsäume an Kontrastkanten außerhalb der Fokusebene treten nicht auf.

Schade, dass sich das SEL-90M28G maximal auf f/22 abblenden lässt. Liegt das Motiv wie hier nicht ganz parallel zur Fokusebene, fehlt es dadurch manchmal an Tiefenschärfe.

Schade, dass sich das SEL-90M28G maximal auf f/22 abblenden lässt. Liegt das Motiv wie hier nicht ganz parallel zur Fokusebene, fehlt es dadurch manchmal an Tiefenschärfe.

Schade finde ich allerdings, dass Sony die kleinste Blende auf f/22 beschränkt hat. Zwar begrenzen bei dieser Blende Beugungseffekte die Auflösung bereits sichtbar – aber gerade im Nahbereich blende ich hin und wieder auch auf f/32 ab. Dabei nehme ich dann bewusst weicher wirkende Aufnahmen in Kauf, erziele aber eine noch einmal größere Tiefenschärfe. Das ist insbesondere dann interessant, wenn das Motiv nicht plan zur Sensorebene ausgerichtet ist.

SEL-90M28G-4

Keine Angst vor kleinen Blenden! Trotz Beugungseffekte bei f/22 zeichnet das SEL-90M28G noch sehr detailreich. 100%-Ausschnitt aus dem vorherigen Foto, leicht in Photoshop nachgeschärft.

Mein Fazit

Nach dem FE 35 mm 1.4 Distagon T* ZA (SEL-35F14) ist das neue FE 90 mm 2.8 Macro G OSS das zweite Objektiv, das ich meiner Alpha 7 II gerne dauerhaft gönnen würde. Dem steht jedoch der recht hohe Preis von rund 1.150 Euro entgegen, der allerdings angesichts des Gebotenen durchaus gerechtfertigt ist. Das Makro-Objektiv überzeugt mit einer hervorragenden Abbildungsleistung, gerade auch im Gegenlicht. Auflösungsvermögen und Bokeh lassen kaum noch Wünsche übrig, Abbildungsfehler hat Sony nahezu perfekt auskorrigiert. Das Handling an einer Alpha-7-Kamera ist exzellent, ebenso die Ausstattung mit einem linearem Fokusantrieb sowie klassischem manuellen Fokus. Da bleiben wenig Wünsche offen – etwa der nach einer Streulichtblende aus Metall oder eine kleinste Blende von f/32.

PS: Alle Bilder aus diesem Beitrag und noch mehr Beispielfotos gibt es in voller Auflösung in meinem Flickr-Album zum SEL-90M28G.

PPS: In die erste Fassung des Beitrags hatten sich eine Menge Tippfehler eingeschlichen. Ich hoffe, mittlerweile habe ich sie alle gefunden und korrigiert.